Erhöhung der ökologischen Bauweise bei öffentlichen Bauvorhaben

Bauen, wie wir es bisher kannten, wird es in Zukunft nicht mehr geben können, wenn man dem Klimawandel wirksam begegnen will. Die Einhaltung der Klimaziele erfordert auch im Bausektor ein Umdenken.

Viele Bauwerke und Gebäude werden ausschließlich oder mit viel Stahl und Beton errichtet. Bei der Erzeugung dieser Baustoffe werden jedoch große Mengen CO2 freigesetzt. Aber sind Stahl und Beton immer notwendig? Jetzt soll nach dem Willen der Grünen Stadtratsfraktion genau das auf den Prüfstand.

In zwei Anträgen wirft die Fraktion folgende Fragen auf: Können Stahl und Beton nicht durch andere, ökologischere Baustoffe ersetzt werden? Oder wenigstens teilweise? Wo dies nicht möglich ist, wo Stahl, Beton und Kunststoff unerlässlich sind: Können solche Baustoffe ersatzweise oder zumindest anteilig als grüne Baustoffe bezogen werden, die also mit Wasserstoff aus erneuerbaren Energien hergestellt wurden?

Hier die beiden Anträge im Wortlaut:

Ingolstadt, 12. Oktober 2021

Ökologie bei öffentlichen Bauvorhaben

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Zement und Stahl sind auch bei öffentlichen Bauvorhaben in Ingolstadt in der Regel die erste Wahl. Bei der Betonherstellung entsteht jedoch in großem Umfang CO2. Beton ist für bis zu 10 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Auf die Erzeugung und Verarbeitung von Stahl und Zement entfielen im Jahr 2018 etwa 16 % der globalen Treibhausgas-Emissionen. Um zur Einhaltung der Klimaziele beizutragen, muss daher auch in Ingolstadt der Erhalt von verwertbarer Bausubstanz Vorrang haben und bei Neubauten Ziegel- und Holzbauweise bevorzugt werden. Auf Baustoffe, die beim Abbruch als Sondermüll anfallen würden, z.B. „halogenhaltige“ Kunststoffe (Kunststoffe mit Chlorverbindungen, z.B. PVC), Wärmedämmstoffe aus verschiedenen Hartschäumen und Bauplatten mit Kunstharz-Bindemitteln, sollte bei öffentlichen Bauvorhaben gänzlich verzichtet werden.

Jede/r Zweite bis Dritte reagiert mittlerweile sensibel oder sogar allergisch auf Stoffe in den Innenräumen von Häusern. Neben allergischen Reaktionen, ausgelöst durch chemische Substanzen im Baumaterial, kann sich durch eine luftdichte Gebäudehülle vermehrt Schimmel bilden. Mineralische Wärmedämmstoffe und rein mineralische Oberflächenbehandlung dienen wegen der Durchlässigkeit für Wasserdampf auch der Gesundheit und einem gesunden Raumklima.

Vor dem Hintergrund, dass in den nächsten Jahren alle erdenklichen Anstrengungen zum Klimaschutz ergriffen werden müssen, beantragen wir:

  1. Bei öffentlichen Bauvorhaben werden zukünftig statische Nachweise erbracht, ob Stahl oder Beton notwendig sind.
  2. Es wird geprüft, ob in Ausschreibungen für öffentliche Bauvorhaben der Stadt Ingolstadt die Verpflichtung zu einer ökologischen Bauweise möglich ist.
  3. Die Stadt Ingolstadt lässt eine Checkliste für die Materialeffizienz der Bauausführungen und Baustoffe erstellen und entwickelt einen „Positiv-Baustoff-Katalog“.
  4. Der „Positiv-Baustoff-Katalog“ wird in Ausschreibungen für öffentliche Bauvorhaben der Stadt Ingolstadt mit aufgenommen, bevorzugt verwendet werden sollten Baustoffe mit geringem Gehalt an „grauer Energie“ wie Massivholz, Holzbauplatten und Ziegel sowie „schadstofffreie“ Kunststoffe (z.B. PVC-freie Elektrokabel, Abwasserrohre usw.), rein mineralische Wärmedämmstoffe, Oberflächenbehandlungen mit rein mineralischen Farben oder solchen auf Pflanzenöl- statt auf Kunstharzbasis.

Begründung:

Mit der Bauweise öffentlich finanzierter Bauvorhaben geht eine Vorbildfunktion einher. Bei öffentlichen Investitionen sollte die CO2-Bilanz unbedingt berücksichtigt und der Markt für klimafreundliche Produkte unterstützt werden. Durch eine verpflichtende ökologische Ausführung von öffentlichen Bauvorhaben würde Ingolstadt einen Beitrag leisten zum wachsenden Markt der klimafreundlichen Grundstoffe und dadurch auch zur Beschäftigung für Baufirmen, die auf diesem Gebiet tätig sind. Zudem könnte auf diese Weise die Akzeptanz für ökologische Bauweise in der Bevölkerung gestärkt werden.

Ein Großteil der durch den Bausektor verursachten Emissionen entsteht bei der Produktion der benötigten Grundstoffe. Umso wichtiger ist die Berücksichtigung der Materialeffizienz. Die weitere Entwicklung und Fortschreibung eines Positiv-Baustoff-Katalogs werden davon abhängig sein, ob es neuartige Verfahren zur Herstellung von Baustoffen aus nachwachsenden Rohstoffen gibt. Es deutet sich an, dass es bei mineralischen Dämmstoffen (z.B. Kalziumsilikatschaum) eine Steigerung der Produktivität und eine entsprechend günstigere Materialkostenentwicklung geben wird.

Stahl ist unter den Baustoffen derjenige mit dem höchsten Gehalt an „grauer Energie“ und sollte beim Bauen grundsätzlich nur dann verwendet werden, wenn statische Gründe dafür sprechen. Beispielsweise können Häuser bis zum 8. Stockwerk ganz ohne Stahl und Beton nur aus Ziegeln hergestellt werden. Auch im Beton sind Stahlarmierungen oft überflüssig. Zur Vermeidung von Stahl wäre es sinnvoll, bei öffentlichen Bauvorhaben einen statischen Nachweis verpflichtend einzuführen, ob Stahl überhaupt benötigt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Agnes Krumwiede, Barbara Leininger (Fraktionsvorsitzende), Christian Höbusch (Fraktionsvorsitzender), Stephanie Kürten, Maria Segerer, Jochen Semle, Dr. Christoph Spaeth


Ingolstadt, 12. Oktober 2021

Quote für grünen Stahl, Kunststoff und Beton in öffentlichen Bauvorhaben

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Vor dem Hintergrund, dass in allen Bereichen unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren alle möglichen Anstrengungen zum Klimaschutz ergriffen werden müssen, stellen wir folgenden

Antrag:

  1. Es wird geprüft, ob in Ausschreibungen für öffentliche Bauvorhaben der Stadt Ingol-stadt eine verpflichtende Quote auf grünen Stahl, Kunststoff und Beton möglich ist.
  2. Sollte eine Quote gem. Ziff. 1 möglich sein, nimmt die Stadt Ingolstadt ab sofort eine Quote von 30 % an grünem Stahl, Kunststoff und Beton in ihre Ausschreibungen mit auf.

Begründung:

Durch eine verpflichtende Quote auf grünen Stahl, Kunststoff und Beton bei der öffentlichen Beschaffung könnte Ingolstadt neben dem Bund, den Länder und weiteren Kommunen erste gesicherte Absatzmärkte für klimafreundliche Grundstoffe und auf diese Weise auch Investitionssicherheit für Unternehmen fördern und schaffen.

Als grüner Stahl, Kunststoff und Beton wird bezeichnet, wenn die jeweiligen Stoffe insbesondere mit grünem Wasserstoff hergestellt werden, der seinerseits wiederum aus erneuerbaren Energien gewonnen wurde.

Die weitere Entwicklung und Förderung entsprechender Verfahren könnte auch – neben der Wasserstoffmobilität – einen ergänzenden Baustein der Strategie „Wasserstoffregion Ingolstadt“ darstellen, zusätzliche Fördermittel generieren und anderen Forschungsregionen Vorbild sein.

Wie eine aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln zeigt, könnten durch eine öffentliche Quote von 30 % auf grünen Stahl, Kunststoff und Beton jährliche CO2-Einsparungen von rund 2 Millionen Tonnen CO2 erzielt werden. Damit ließen sich Treibhausgase in Höhe der jährlichen Emissionen des nationalen Flugverkehrs vermeiden.

Mit einem jährlichen Investitionsvolumen von knapp 500 Milliarden Euro geht vom öffentlichen Beschaffungswesen in Deutschland ein enormes Potenzial für den Erwerb klimafreundlicher Produkte und Dienstleistungen aus. Auf diese Weise können durch öffentliche Investitionen nicht nur Treibhausgasemissionen vermieden, sondern auch erste Leitmärkte für klimafreundliche Produkte geschaffen werden.

Neben positiven Effekten auf die Kostenentwicklung durch Skalen- und Lerneffekte kann durch die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand auch die Akzeptanz neuartiger Güter bei den Bürger*innen gestärkt werden. Die hierzu nötigen Rahmenbedingungen auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene existieren bereits.

Besonders hoch ist das Potenzial der nachhaltigen öffentlichen Beschaffung im Bausektor, welcher rund 40 % öffentlicher Großaufträge ausmacht. Ein Großteil der durch den Bausektor verursachten Emissionen entsteht dabei bei der Produktion der benötigten Grundstoffe.

Allein auf die Erzeugung und Verarbeitung von Stahl und Zement entfielen im Jahr 2018 etwa 16 % der globalen Treibhausgas-Emissionen. Alternative Technologien zur klimaneutralen Herstellung dieser Güter existieren bereits – so können beispielsweise Stahl und Kunststoff durch den Einsatz von klimafreundlichem Wasserstoff nahezu CO2-neutral („grün“) produziert werden.

Schließlich wird bereits intensiv zu klimaneutralem Beton geforscht. Erste Hersteller bieten seit 2020 sogar auch schon klimaneutralen Beton auf dem deutschen Markt an.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Höbusch (Fraktionsvorsitzender), Barbara Leininger (Fraktionsvorsitzende), Agnes Krumwiede, Stephanie Kürten, Maria Segerer, Jochen Semle, Dr. Christoph Spaeth

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